Sorgfaltspflicht: Fälle, an die Sie wahrscheinlich nicht gedacht haben

Vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichten über ein Dossier, das ein ehemaliger britischer Geheimdienstmitarbeiter zusammengestellt hat. Darin heißt es, dass der russische Geheimdienst FSB im Besitz eines Videos ist, auf dem Donald Trump im Jahr 2013 im Moskauer Ritz-Carlton mit Prostituierten zu sehen ist.

Hier geht es nicht darum, ob dieser Bericht der Wahrheit entspricht. Er macht aber deutlich, dass sich Geschäftsreisende unabsichtlich in eine prekäre Lage bringen können. Die Geschichte hat uns ein neues Wort gelehrt: Kompromat. Die russische Wortschöpfung, unter der man kompromittierendes Material versteht, hat mittlerweile auch im Deutschen Einzug gehalten. Die englische Entsprechung, „blackmail“, betont dagegen die erpresserische Kraft.

Gerade Terroranschläge haben gezeigt, wie wichtig es ist, eine Strategie zu haben, um der Sorgfaltspflicht nachzukommen. Sie rücken aber weniger wegen ihrer Häufigkeit als vielmehr aufgrund der Tatsache ins Blickfeld, dass so viele Personen auf dramatische Weise gleichzeitig davon betroffen sind. Laut einer Quelle liegt die Wahrscheinlichkeit, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, bei 1 zu 20 Millionen. Das Lebenszeitrisiko, bei einem Autounfall zu sterben, liegt dagegen bei 1 zu 100.

Fragen Sie sich deswegen, ob Sie eine Strategie für folgende mögliche Szenarien, haben:

Sexuelle Aktivität

Marie Müller wird zur Dubaier Niederlassung des Finanzdienstleistungsunternehmens entsandt, für das sie arbeitet. Am Donnerstagabend besucht sie mit ihren Arbeitskollegen eine Bar, um das Wochenende einzuläuten. Sie hat Augenkontakt mit einem großen, hübschen Fremden und die beiden gehen schließlich zusammen an den Strand, um sich besser kennenzulernen. Dort werden sie von einem Wachmann unterbrochen und zu einer Polizeistation gebracht. Es kommt schnell ans Licht, dass Marie Müller zu Hause einen Ehemann hat.

Außerehelicher Geschlechtsverkehr ist in Dubai illegal und Marie Müller kann, wenn sie schuldig gesprochen wird, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, ausgepeitscht oder sogar gesteinigt werden.

Sexuelle Orientierung

Christian Huber und Nikolas Maier sind zusammen in einem Team, das für ein Projekt des Unternehmens nach Saudi-Arabien geschickt wird. Das Unternehmen ist sich zwar der Tatsache bewusst, dass es in dem Land unterschiedliche Vorschriften für Männer und Frauen gibt, macht sich aber keine Sorgen, da beide Männer sind. Über was ihr Arbeitgeber und ihre Kollegen nicht informiert sind, ist, dass die beiden mehr als eine innige Männerfreundschaft unterhalten.

Christian Huber und Nikolas Maier wissen, dass Homosexualität in Saudi-Arabien offiziell illegal ist, aber auch, dass es eine große, offene homosexuelle Szene gibt. Deswegen zögern sie nicht, als ein Einheimischer vorschlägt, zu einer deren Partys zu gehen. Die Party wird von der Polizei gestürmt und beide Männer werden verhaftet. Sie wussten nicht, dass öffentliche Versammlungen, einschließlich Partys, in Saudi-Arabien ohne besondere Erlaubnis illegal sein können.

Transfer

Drei Mitglieder eines europäischen Marketingteams sollen bei einer großen Handelsmesse in Las Vegas einen Stand des Unternehmens führen. Sie entscheiden, dass sie am zeit- und kosteneffizientesten nach Los Angeles fliegen und dann mit dem Mietwagen durch Nevada fahren. Der Fahrer schläft am Lenkrad ein und verursacht einen Unfall, bei dem ein Passagier getötet, der Fahrer und der andere Passagier schwer verletzt werden.

Die Familie des verunglückten Teammitglieds verklagt das Unternehmen und den Fahrer wegen Fahrlässigkeit auf Schadenersatz.

Weitere Beispiele, die zunächst banal erscheinen, es aber erforderlich machen, dass sich Unternehmen mit ihrer Sorgfaltspflicht auseinandersetzen, sind Überfalle, Erpressungen, Magen-Darm-Erkrankungen durch unhygienisches Essen und unterschiedliche Einstellungen zu weiblichen Geschäftsreisenden.

Handlungsempfehlung: Information, Kommunikation, Notfallplanung

Geschäftsreisende müssen mit viel Neuem umgehen und der Adrenalinspiegel ist hoch, wenn sie versuchen, in einer anderen Kultur in begrenzter Zeit ihre Aufgabe für ihr Unternehmen zu erfüllen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich einem höheren Risiko aussetzen, steigt.

Die meisten Unternehmen bieten Reisenden Unterstützung und Informationen. Die Reiserichtlinien können genau angeben, ob sich Mitarbeiter nach einem 12-stündigen Flug direkt an das Steuer eines Autos setzen und wie viele Mitarbeiter des Unternehmens in einem Fahrzeug fahren dürfen. Derartige Richtlinien hätten den oben beschriebenen fatalen Autounfall möglicherweise verhindert. Auf jeden Fall hätten sie die Haftung des Unternehmens verringert.

Es liegt in der Verantwortung des Unternehmens, die Gesundheit und Sicherheit seiner Mitarbeiter zu schützen und diese auf Geschäftsreisen möglichst wenigen Risiken auszusetzen. Deswegen sollten Sie relevante Informationen zu den geltenden Gesetzen und möglichen Bedrohungen sowie den Prozess, dem im Fall eines Unfalls zu folgen ist, kommunizieren. Unternehmen müssen zudem sicherstellen, dass diese Informationen wirkungsvoll weitergegeben werden, das heißt persönlich, per E-Training oder mittels Benachrichtigungen über die App. Einfach Links zu Informationen zu teilen, die die Reisenden möglicherweise nicht lesen, ist oft nicht ausreichend.

Die meisten Unternehmen verweisen Mitarbeiter vor einer Geschäftsreise auf relevante Informationen zum Land, wie die des Auswärtigen Amts. Ergänzend bieten sich Infoblätter mit speziell auf die Mitarbeiter des Unternehmens zugeschnittenen Inhalten an. Diese können Feedback von Kollegen umfassen, die bereits Reisen an denselben Zielort gemacht haben, oder Websites, wie 76crimes.com, auf denen die Länder aufgelistet sind, in denen Homosexualität illegal ist.

Richtlinien, Schulungen und Informationen sind sicher notwendig, aber nicht ausreichend. Im Jahr 2017 werden Ihre Reisenden von Informationen aus unterschiedlichsten Quellen geradezu überflutet – über Apps, Websites, Reiseupdates und -warnungen, E-Mails. Es ist Ihre Aufgabe, zu erarbeiten, wie Sie das kommunizieren, das Reisende wissen müssen, um wirkungsvoll sicher zu bleiben.

Der US-Präsident Trump sagte, dass ihm als erfahrenem Reisenden bewusst war, dass es in Hotelzimmern in Russland versteckte Kameras und Mikrofone gibt und er sogar sein Team davor gewarnt hat. Wussten Sie das auch?